Gratwanderung

Es ist in meiner Erfahrung ein schmaler Grat,
auf dem der Geisteswandel der Vergebung
– die Berichtigung des Denkens vom Ego zum Heiligen Geist –
geschehen kann.
Denn es bedarf aus Sicht des Ego einer paradoxen Haltung.

Es geht darum, mit dem Heiligen Geist
ins stille, nichturteilende Beobachten zu kommen.
Auf diese Weise wird der Welt keine Wirklichkeit mehr zugesprochen,
denn ich reagiere nicht mehr anhaftend auf sie.
Dann geschieht das Erwachen aus ihr.
„Die Vergebung ihrerseits
ist still und tut ganz ruhig gar nichts. (…)
Sie schaut nur und wartet und urteilt nicht.“
(Ü-II.1.4:1 und 3 / S. 402)

Das bedeutet, alles, was an Gedanken, Gefühlen und Weltenformen da ist,
nur anzuschauen und nichts mit ihnen zu tun.
Sie nicht einmal zu beurteilen.
Nur zu schauen, sie zu beobachten,
ohne sie verändern zu wollen.
Zugleich beobachte ich sie jedoch paradoxerweise gerade,
weil ich mich von ihnen geistig-emotional lösen möchte.
Daher ist es ein schmaler Grat
einfach nur bewusst präsent zu sein mit allem.
Ohne Widerstand dagegen,
ohne etwas daran verändern oder aktiv lösen zu wollen.
Ganz schnell rutsche ich ab und investiere wieder
in ein Verändern und Weghaben-Wollen
und somit in einen Widerstand gegen Zustände.
So stecke ich wieder im Leiden
und bin gar nicht ruhig.
Auch dies ist jedoch nur still zu beobachten,
um wieder auf den schmalen Grat zu kommen.

Es geht auf diesem schmalen Grat um ein Warten,
ein sich Öffnen ohne weitere Vorgabe.
Doch es geht paradoxerweise nicht um ein Erwarten von etwas.
Denn dann bin ich nicht widerstandslos mit dem,
was mich hindert und das ich nur anschauen soll
und gebe ihm somit weiter Macht.
So schnell bin ich wieder im Erwarten.
Wann kommt der Geistesfrieden endlich zu mir?
Doch wenn ich erwarte,
bin ich nicht in der Annahme des Geistesfriedens jetzt,
der immer da ist.
Dann bin ich auf eine Zukunft ausgerichtet,
die erst noch kommen soll oder wird.
Es geht also um ein Warten ohne zu warten.
Das klingt paradox.
Doch es ist ein sich Niederlassen auf dem schmalen Grat
des reinen bewussten Beobachtens, des reinen Präsent-Seins,
ohne eine Bewegung und Absicht.

Bin ich beim Beobachten in der Haltung „um zu…“,
um etwas zu erreichen,
sei es in der Welt oder im Geist,
bin ich mit einer Absicht unterwegs,
möchte ich kontrollieren,
den Weg und das Ziel vorgeben.
Damit belege ich, dass ich mit dem,
wie es jetzt ist,
nicht einverstanden bin.
Doch gerade diese meine Abwehr gibt dem,
was ich nicht will paradoxerweise Wahrheitsgehalt
und hält es weiter am Laufen.
Und dennoch kann nur ich meine Gedanken kontrollieren
und soll ich ihnen eine andere Richtung geben,
weg vom Ego und hin zum Heiligen Geist.
Das Paradoxe daran ist,
dafür muss ich jede Absicht und Kontrolle aufgeben
und meinen Geist völlig dem Nicht-Wissen hingeben.
Beim Beobachten in einer Haltung zu sein
„nur bewusst beobachten“,
still mit dem zu sein, was ist,
ohne mich darin zu verlieren oder es weiter zu spinnen
und doch nichts zu verleugnen oder zu verdrängen,
ist ein schmaler Grat.

Nicht zu urteilen bedeutet,
auch über das Urteilen nicht zu urteilen,
nichts eine Bedeutung zu geben,
keine Wertung,
keine Unterschiede zu machen.
Und paradoxerweise wird dabei das Falsche vom Wahren getrennt,
ohne dass die Trennung bestärkt wird.
Nicht im Widerstand gegen das Ego und die Welt zu sein,
sie nicht zu verleugnen
und sie zugleich als  illusionär anzusehen,
bedeutet offen zu sein für den Heiligen Geist,
denn mit ihm schaue ich friedlich auf das Ego und die Welt.

Wenn sich all dies auch kompliziert und paradox anhört,
so ist es dennoch ganz schlicht und einfach nur dies:
Ich werde still und tue ganz ruhig gar nichts im Geist.
Ich schaue nur und warte und urteile nicht.
Das ist bereits der Frieden.
So wird der schmale Grat
zur unendlichen Weite Gottes.

8 Gedanken zu „Gratwanderung

  1. Immer wieder erstaunlich, obwohl schon so oft erlebt, diese Synchronität von Gedanken.
    Bin heute Morgen genau mit diesem Thema aufgewacht, zusammen mit meiner gestrigen Lektion 126: Alles was ich gebe, wird mir selbst gegeben. Dies begleitete mich noch eine halbe Stunde lang. Und jetzt lese ich genau das. Vielen Dank, Katya, dass du es so schön in Worte gefasst hast…

    Am Ende meiner Beobachtung sah ich auf meine Unsicherheiten in Bezug auf das Aussortieren von richtig und falsch und auf die Frage was ich nun tun sollte/könnte. Es konnte nur eine Antwort darauf geben: »Vertraue.«

    1. Lieber René, wie schön deine Erfahrung. Ja, wir müssen uns zuerst und nur um unserem Geist kümmern. Alles weltliche Handeln ergibt sich automatisch aus unserem Geistesfrieden oder unserer Ego-Angst. Vertrauen wir und lassen wir es zur Gewissheit werden, dass wir in uns immer wieder zum Frieden und zur Liebe finden werden. Herzliche Grüße, Katja

  2. Diese Gratwanderung hast du super beschrieben, Katja! Und mir fiel wieder der Vergleich mit dem Einschlafen ein. Ich gehe am Abend zu Bett, weil ich schlafen will. Ich bereite alles passend vor, ich achte auf eine angenehmene Temperatur, die richtige Kleidung und Bettwäsche. Es muss still und dunkel sein, und jeder hat vielleicht noch so seine kleinen Einschlafrituale  . Kurzum: ich tue alles, um gut einschlafen zu können. Wenn ich aber dann mein Buch zur Seite lege, das Licht lösche und die Augen schließe, wird es mir nicht helfen, wenn ich nun denke, dass ich einschlafen WILL. Im Gegenteil: der Wille einzuschlafen, wird es ziemlich sicher verhindern. Und je stärker der Wille wird, desto wacher werde ich. Um gut einschlafen zu können, muss ich zwar Vorkehrungen treffen, aber dann muss ich abgeben, jeden Wunsch völlig loslassen, erst dann schlafe ich ein und finde Frieden. Vielleicht ist der Knackpunkt der, dass ich abends zu Bett gehe, einfach weil ich müde bin. Ich habe kein Ziel dabei, sondern es ist ein natürliches Bedürfnis. Und vielleicht muss die neutrale Beobachtung unserer Gedanken immer weniger eine Disziplin, sondern immer mehr ein natürliches Bedürfnis werden. Und das wird es, wenn wir merken, dass wir der Aufregungen der äußeren Welt müde werden. Wir sehnen uns dann immer mehr nach der tiefen Stille in unserem Geist.

    1. Lieber Tom, wow, was für eine tolle Beschreibung und ein sehr guter Vergleich. Das passt sehr gut für mich zur Haltung des Beobachters auf dem schmalen Grat. Ja, es wird immer mehr eine neue natürliche Gewohnheit werden, wenn oft genug erlebt wurde, welch Frieden sie schenkt.

  3. Liebe Katja,
    was mir im Anschluss an Deinen Text, der so befriedend ist, „einfällt“,
    „……So wird der schmale Grat zur unendlichen Weite Gottes. (und verliert seine Form, die eines schmalen, extrem gefährlichen Grates – löst sich einfach auf…. in Vertrauen, in das Sein. So , wie ein Traum, nachdem er geträumt wurde, sich auflöst. Zurück von der Reise – Zuhause angekommen, wo ich schon immer war.

    1. Lieber Ulrich, ja, genau das war auch mein Empfinden am Ende: der Grat löst sich auf, jede Form löst sich auf in der formlosen und unbegrenzten Weite und tiefen Geborgenheit Gottes. Wie schön, dass wir an dieser Stelle die gleiche Assoziation haben, die mit Worten eigentlich nicht mehr zu beschreiben ist.

  4. Liebe Katja,ja eine „Gradwanderung“ im Sinne von Vergebung ist im „Alltag“nicht immer leicht, der Tanz auf dem Seil, es gibt nur Dich und das Seil=HG“, ein Beispiel: in meiner Freizeit besuche ich immer einen Sterbehospitz, dort gehe ich immer ganz ohne EGO, fast in Gedankenleere hin, mit Leeren Händen stehe ich vor dem Licht-Mensch,denke nichts, nicke mit dem Kopf und sehe ein strahlen von Liebe. Es reicht einfach da zu sein, der Mensch gegenüber spührt und fühlt dein Licht ausstrahlen,oft bemerke ich ein lächeln oder Handzucken,du sagst: ich bin da,du bist nicht allein alles ist gut ich Liebe dich Bruder,die Reaktion kannst du am angeschlossenen Monitor und den Geräten sehen: Alles was Du aussendest kommt zurück, sende Licht und Liebe und Du kannst das erfühlen und erleben als unendliche Freude, hätte ich den „geistlosen Abfall“ von EGO ausgesendet, wäre nichts zurück gekommen als eben geistloses Illusionäres Zeugs. herzlichst Wolfgang2

    1. Lieber Wolfgang2, vielen Dank, ein sehr schönes Beispiel, von dem du da berichtest. Und selbst, wenn der andere im Ego bleiben sollte, weil er gerade einfach nicht anders kann, wird die Liebe, die ich angeboten habe, nicht verloren gehen und ihn ebenso umfangen. Es ist immer richtig, in der Liebe zu sein und mich nicht schuldig zu fühlen, wenn ich im Ego bin.

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